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Captain Berlin unmasked

1987 dreht Jörg Buttgereit seinen ersten Spielfilm Nekromantik: In der Story eines Paares, das zur Stimulation menschliche Leichen ausgräbt, kreuzt sich wirkungsvoller, Grenzen überschreitender Horror mit einer ernsthaften, sinnlichen Liebesgeschichte. Der Film entsteht mit geringem, privaten Budget, gedreht als gemeinschaftliche Freundesarbeit an Wochenenden – in einem Berlin, dessen kreative Ausdrucksmöglichkeiten die Dreharbeiten begünstigen und das zugleich als realistische Kulisse auf Super-8-Material festgehalten wird. In drei weiteren langen und zahlreichen Kurzfilmen besetzt Buttgereit eine ästhetische Position an der Schnittstelle von Genre-Exzess und Arthouse-Introspektion. Nebenbei entsteht auch mit Captain Berlin der heute dienstälteste und im Kampf gegen das reanimierte Gehirn von Adolf Hitler oder Mutanten aus Fukushima verlässlichste Superheld der Stadt – eine Figur, die über den gleichnamigen Kurzfilm (1982) hin zu Theaterstücken und Comics immer wieder im Werk Buttgereits auftaucht. Allerdings ist diese eigenverantwortliche Filmkunst auch ein selbstausbeuterischer Liebesdienst, der zwangsläufig seinen Tribut fordert: Die finanziellen Einschränkungen und die logistische Belastung beim Dreh von Schramm (1995) haben eine sich über fast zwei Jahrzehnte erstreckende Auszeit von der Leinwand zur Folge, in der Buttgereit als Theaterregisseur und Hörspiel-Produzent das Medium wechselt – bis ihn 2014 ein Freund aus alten Tagen für einen gemeinsamen Episodenfilm wieder hinter die Kamera lockt.
 
get happy!?: Jörg, es gibt ein Foto aus deinem Kinderzimmer, wo deine ganzen Einflüsse schon aufgebaut sind: Figuren von Godzilla oder Frankenstein, ein Star-Trek-Bausatz. Wann fing das denn an, dass du selber gedreht hast?
 
JB: Mit 14 Jahren habe ich eine Super-8-Kamera bekommen und eigentlich gleich am nächsten Tag losgelegt. In der Ecke, wo ich wohne, gibt es ein Kino, das Xenon – da war ich schon als Kind und habe die Godzilla-Filme gesehen. Damit hat es angefangen, dass ich die ganzen Monsterfilme gesehen habe. Im Fernsehen war ja ansonsten nicht viel. Aber diese japanischen Filme, die haben mich sofort in den Bann gezogen. Die erste Filmerinnerung, die ich habe, ist der Ray-Harryhausen-Film Sindbads 7. Reise, mit Zyklopen, die Menschen am Spieß braten.
 
gh!?: Warst du mit 14 auch schon in einer Szene? Das war ja gerade die Zeit von Punk.
 
JB: 1977 war hier noch nicht viel, diese Punk-Nummer, das fing erst 1980 richtig an. Ich habe damals eine Lehre als Dekorateur gemacht und war mit Dirk Felsenheimer, später Bela B. von den Ärzten, und Peter Synthetik, der die Filmmusik für mich komponiert hat, in einer Klasse. 1982 haben wir Captain Berlin gemeinsam gemacht, da herrschte gerade eine Aufbruchsstimmung, durch die es keine Probleme gab, einen Vorführungsort für die Sachen zu finden, die man machen wollte. Als wir 1985 Hot Love gedreht haben, den ersten längeren Film, konnten wir dafür beispielsweise ein Splatter-Festival im Sputnik-Kino aus dem Nichts aufziehen, zu dem 350 Zuschauer kamen. Heute ist das längst viel komplizierter, weil die Bereitschaft der Leute nicht mehr da ist.
 
gh!?: Hot Love, das war ja schon eine Vorskizze für Nekromantik.
 
JB: Ja, bei Nekromantik hat dann dieses Kino für das Publikum nicht mehr ausgereicht.
 
gh!?: Wolfgang Müller skizziert in seinem Buch Subkultur West-Berlin 1979-1989 die Szene dieser Jahre, von der du auch Teil warst. Man hat beim Lesen das Gefühl, alle kannten sich damals, waren miteinander vernetzt. Du hast z.B. das Cover der ersten EP von Soilent Grün [Anm.: Die Vorgänger-Band von Die Ärzte] gemacht.
 
JB: Das ist ein Foto von meinem Vater. Über den habe ich auch einen Film gedreht: Mein Pappi. Dafür machte 1995 Max Müller die Filmmusik, das waren dann noch alte Bande, die gegriffen haben.
 
gh!?: Uns bist du in dieser Zeit als einer der wenigen aufgefallen, der vor allem Filmemacher war. Gab es da keine eigene Szene?
 
JB: Doch, es existierte eine Super-8-Filme-Szene, die vornehmlich experimentell orientiert war. Die Tödliche Doris gehörte zum Beispiel dazu. In den Hinterhöfen fanden Festivals statt und es gab auch einen eigenen Verleih für die Werke, den Gegenlicht-Verleih. Meine Sachen in diesen Jahren, So war das SO 36 zum Beispiel, sind aus dieser Szene heraus entstanden.
 
gh!?: Hattest du Interesse, eine formale Ausbildung im Film zu machen?
 
JB: Ich habe es tatsächlich probiert. Eigentlich wollte ich eine Lehre zum Fotografen machen, das wurde mir bei der Berufsberatung allerdings erfolgreich ausgeredet. Wenn jemand etwas Kreatives machen wollte, dann schickten sie einen in die Dekorateurslehre – deswegen sind dann ja auch dort alle aufgeschlagen. Danach habe ich es beim dffb, der Film- und Fernsehakademie versucht, die haben mich aber nicht genommen. Parallel habe ich aber ja auch schon längst Filme gedreht. Irgendwann kam [Anm.: der Produzent] Manfred Jelinski auf mich zu, dadurch bekam ich auch die nötige technische Ausstattung und konnte mit ihm Nekromantik machen.
 
gh!?: Spätestens bei Nekromantik 2 erkennt man, dass du einen eigenen visuellen Stil entwickelst. Wann war der Zeitpunkt, an dem dir das bewusst geworden ist, dass du eine eigene Ästhetik in die Filme bringst?
 
JH: Bei den frühen Super-8-Filmen habe ich mich auch schon bemüht, einen Blickwinkel hinzukriegen, der ungewöhnlich ist. Das wurde später höchstens etwas seriöser. Oftmals ergab sich das aus Reaktionen auf die Umwelt. Das langsame Tempo von Nekromantik 2 war meine Antwort auf die Ästhetik von Videoclips: Die Bremse ziehen. Wenn man mit der Kamera länger auf etwas hält, dann etabliert man eine eigene Realität, zu der beim Zuschauer keine Distanz möglich ist. Wenn du Leute erschrecken willst, darfst du ihnen nicht so viele Rückzugsmöglichkeiten offerieren.
 
gh!?: Deine Filme sind nicht nur gegenüber dem bürgerlichen Zuschauer subversiv, sondern auch gegenüber dem Horror-Genre, weil du die typischen Themen anders umsetzt.
 
JB: Ich war zwar immer ein Fan von Monsterfilmen, aber die Initialzündung bedeutete für mich eigentlich die Off-Kino-Szene in Berlin, da liefen viele Filme mit dem Willen zur Grenzüberschreitung, wie beispielsweise von John Waters. Das zerschnittene Auge aus dem Andalusischen Hund von Buñuel. Meine Sachen waren deshalb eine Mischung aus diesem Underground-Kino und dem Horror-Genre. Das war ja hier auch eher underground, weil amerikanische Filme, die für ein Teen-Publikum produziert wurden, in Deutschland gar nicht unzensiert laufen konnten. In Berlin wurde das dann zum Teil der Industrial-Music-Kultur, die Neubauten haben bei ihren Konzerten zum Beispiel auch mit solchen Bildern gearbeitet. Das war nicht weit entfernt von The Evil Dead [Anm.: Sam Raimi-Film von 1981].
 

gh!?: Hast du eine Erklärung dafür, dass sich in Deutschland keine Horror-Tradition etablieren konnte?
 
JB: Ich denke, die Wurzel allen Übels war die Vertreibung der Künstler im Dritten Reich. Ein Großteil der Filmemacher bei Universal, die den Monsterfilm bekannt gemacht haben, kamen ja aus Deutschland: Murnau, der Nosferatu gedreht hat. Ein Film wie Das Kabinett des Dr. Caligari war zwei Jahre vorher im Grunde die Geburtsstunde des Horrorfilms, das ist ursprünglich hier um die Ecke in Berlin passiert! Dieser geschichtliche Umstand hat das im Keim erstickt, auf einer sauberen Leinwand war kein Platz mehr für Wiedergänger und Leichenberge. Das Bild von Toten ist bis heute noch verpönt, die Produktion unseres aktuellen Filmes German Angst würde ich auch nicht gerade als leicht bezeichnen. Die Leute, die sich daran beteiligen wollen, kann man nicht anständig bezahlen – das ist in Amerika anders. Im Theaterbereich ist der Freiraum hingegen unendlich groß, da werden mir tatsächlich Angebote gemacht. Für ein Stück in Dortmund hatte ich mehr Budget zur Verfügung als für einen Film.
 
gh!?: Wie kam es dazu, dass du nun nach vielen Jahren bei German Angst wieder Regie führst?
 
JB: Die Idee für einen Episodenfilm kam von Andreas Marschall. Als er mit seinem letzten Film Masks durch die Gegend fuhr, wurde er oft gefragt, was ich denn mache. Im Ausland sind meine Filme zwar bekannt, die Hörspiele und Theaterstücke aber unsichtbar, deswegen denken dort viele, ich hätte meine Karriere an den Nagel gehängt. Andreas hat 1985 bereits das schöne Hot Love-Plakat für mich gemacht, da hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt, ihm für German Angst abzusagen (lacht). Damit greifen wir noch mal eine eigene Tradition auf und tun so, als wäre es das Natürlichste der Welt. Meine Episode sieht eigentlich genauso aus wie früher, ist extrem sperrig und hat mit Horrorfilm nicht viel zu tun.

  • Mär 20 2015
  • Kamil Moll & Frank Castenholz
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